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eZine von Petra Schleich
Wirtschaft, Kreativität, Geld - Comeback der langen Wellen der Konjunktur
Wann kommt der sechste Kondratieff-Zyklus? – Bahnbrechende innovative Entwicklungen sind Mangelware1
Der vierjährige Wirtschaftsaufschwung geht langsam zu Ende. Die regelmässigen konjunkturellen Schwankungen von drei bis vier Jahren lassen sich über eine sinnvolle Zinspolitik zwar etwas mildern, abschaffen kann man sie wohl kaum. Die US-Hypothekenkrise ist derzeit allenfalls ein auslösendes Moment für die pessimistischere Einschätzung an den Weltbörsen. Wichtig wäre es, sich langfristigere Vorstellungen von der Zukunft zu machen. Außer den kurzen Konjunkturzyklen gibt es Entwicklungen von rund 45 bis 60 Jahren, die nach der Theorie von Nikolai Kondratieff (1892 bis 1938) auf dem engen Zusammenhang zwischen Wirtschaft und technisch-wissenschaftlichen Basisinnovationen beruhen. Kondratieff hatte seine Erkenntnisse 1926 in der Fachzeitschrift «Archiv für Sozialwissenschaften und Sozialpolitik» mit dem Titel «Die langenWellen der Konjunktur» publiziert. In den vergangenen 250 Jahren kann man fünf solcher Zyklen zuordnen: Dampfmaschine und Baumwolle; Stahl und Eisenbahn; Elektrotechnik, Chemie (im weitesten Sinn); Petrochemie und Automobil (Gas-, Diesel- und Otto-Motoren) sowie Informations- und Kommunikationstechnologien.
Grosse Produktivitätsgewinne
Dass seit etwa 1970 durch die Informationstechnologien infolge der Miniaturisierung von Transistoren und Speicherchips ein neues Kapitel der Wirtschaftsgeschichte eingeläutet wurde, steht heute außer Zweifel –wenigen war damals allerdings bewusst, dass dadurch fast alle Industriebranchen derart kräftige Impulse erhalten würden, weil die Preise von Computern anfangs noch recht hoch waren.Wegen der Verbilligung von Speichermedien und des Wachstums der Computerindustrie kam es dann ab 1980 zu Produktivitätssteigerungen, von denen fast alle Bereiche der Wirtschaft profitiert haben. Sie sind jedoch auch Ursache für die seither tendenziell steigende Arbeitslosigkeit. Um sich ein Bild des Ausmasses dieses fünften Kondratieff-Zyklus zu machen, seien die wichtigsten davon beeinflussten Branchen aufgezählt. Profitiert haben Unternehmen, die Computer und das notwendige Zubehör herstellen (Drucker, Scanner, CD-Rom und Brenner zum Anfertigen von Datenkopien etc.). In der Auto-, der Textil-, der Uhren- und der Konsumgüterindustrie sowie der Chemie wurden alle Fertigungsprozesse automatisiert und die Produktivität enorm erhöht.
Hohe Entwicklungskosten
Die Medizin profitierte von der Entwicklung neuer bildgebender Verfahren, mit denen es möglich wurde, bereits bekannte Geräte so zu verbessern, dass sie heute den medizinischen Alltag bestimmen (Computertomographie, Schichtröntgen,Magnetresonanztomographie/MRI,Ultraschalldiagnostik). Am meisten Nutzen ziehen konnte die Unterhaltungsbranche – CD-Player, MP3-Technik, neue Fernsehgeräte, Recorder, DVD-Videos, Digitalkameras, Computerspiele, Handys und alles,was mit der Mobilfunkbranche zusammenhängt. Sie haben unseren Alltag entscheidend verändert. Das Entwicklungspotenzial ist zwar längst noch nicht ausgeschöpft,neigt sich jedoch langsam dem Ende zu, weil es inzwischen kaum noch zündende Neuentwicklungen gibt und der Markt sich abmüht, vorhandene Technologien in neuen Kleidern zu verkaufen. Wenige dieser Produkte werden so breite Käuferschichten finden wie die Produkte zu Beginn des Handybooms oder seit dem Siegeszug der Digitalkameras – bereits am Markt befindliche Produkte der Unterhaltungsbranche werden allenfalls verbessert und werden billiger. Ingenieure, Naturwissenschaftler und Wirtschaftler fragen sich, von welcher Basisinnovation ein sechster Kondratieff-Zyklus ausgehen könnte. Noch vor wenigen Jahren waren sie der Ansicht, neue Erkenntnisse der Biochemie und der Gentechnologie würden einen solchen Zyklus einleiten. Es besteht kein Zweifel, dass dank der besseren Kenntnis biochemischer Vorgänge und der Humangenetik ebenso wie dank der Weiterentwicklung der Gentechnologie wirksamere Arzneimittel gegen die derzeit gefürchtetsten Krankheiten wie Krebs oder Altersdemenz gefunden werden können. Sie werden aus wirtschaftlicher Sicht jedoch nie die Größenordnung von Kondratieff-Zyklen erreichen. Der Grund hierfür liegt in den hohen Entwicklungskosten, die sich nicht (analog zur Miniaturisierung von Transistorelementen) wesentlich verringern lassen, und auch daran, dass die genannten Krankheiten in erster Linie Alterserkrankungen sind und nicht die Gesamtbevölkerung betreffen. Bei gentechnologischen Entwicklungen muss – sofern sie nicht den Gesundheitsbereich betreffen – zusätzlich die Ablehnung durch breite Bevölkerungsschichten in Betracht gezogen werden, die sich nicht so leicht abbauen lässt, weil die Notwendigkeit gentechnologisch veränderter Produkte (außer im Gesundheitsbereich) nicht überzeugend darstellbar ist.
Hoffnung Nanotechnologie?
Die Annahme des Informationstechnologen Leo A. Nefiodow, dass der sechste Kondratieff-Zyklus in der besseren Nutzung des Humankapitals (Umorganisation der Arbeit, Psychologie, Psychotherapie, Ökologie, Wellness) liege, teile ich nicht. Auch wenn viele Industrienationen ein hohes Gesundheitsbewusstsein entwickelt haben und umweltfreundliche Technologien derzeit boomen, ist daraus nicht die Schubkraft zu erwarten, die vergangene Zyklen entwickelt hatten, weil sie mit hohen Kosten einhergehen, die zuerst erwirtschaftet werden müssen. Zukunftsträchtige Entwicklungen spielen sich oft im Verborgenen ab. Dies gilt ganz besonders für die Nanotechnologie, die als Fortsetzung und Weiterentwicklung der Mikrotechniken schon jetzt eine bedeutende Rolle spielt. Sie ist ein Sammelbegriff für unterschiedliche Technologien im Bereich sehr kleiner Teilchen, der bis in den Molekül- und den Atombereich hineinreicht. Als Zusatzstoffe in Form von Pigmenten und Additiven werden Nanomaterialien in der Lack- und der Kunststoffindustrie längst angewandt. Oberflächen können z. B. schon heute so präpariert werden, dass Wasser einfach abperlt. Weiter sind neue Baustoffe denkbar, die leichter und fester als herkömmliche Materialien sind. Derzeit wird u. a. daran gearbeitet, die hervorragenden Eigenschaften des Fadens von Spinnen auszunutzen, wobei allerdings wieder die Gentechnologie zur Produktion ins Spiel kommen müsste. Die Nanotechnologie ist eine «konvergente» Technologie, weil sie in viele Teilbereiche(Chemie, Physik, Kommunikationstechnologien und in die Gentechnologie) hineinführt. Von einem sechsten Kondratieff-Zyklus darf man bei den Nanotechnologien wohl nicht ausgehen. Die Zukunft der nächsten Jahrzehnte hängt eher von dem sinnvollen Verbund aller bereits vorhandenen Technologien ab – ein der Informationstechnologie vergleichbarer neuer Kondratieff-Zyklus ist leider vorerst nicht in Sicht.
1 Dieser Beitrag erschien erstmalig in “Finanz und Wirtschaft”, Schweizer Börsenfachblatt am 5. Dezember 2007
am 17.12.2007 21:05






