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21.11.2008
Inflation und Zins: Ist das ...
Wirtschaft, Kreativität, Geld (56 Beiträge online)
Wirtschaftsblog mit Kommentaren & Perspektiven zu aktuellen Wirtschafts-Themen.
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eZine von Petra Schleich

Wirtschaft, Kreativität, Geld - Inflation und Zins: Ist das alles?

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Inflation gehört zu den spannendsten High-lights der ÖkonomInnen. Vor allem in letzter Zeit, in der frau/man auf Nadeln und zwischen den Stühlen “Zins” und “Inflation” sitzend hofft und bangt, es mögen doch bessere Zeiten kommen. Betrachten wir aber zunächst einmal die Fakten, bevor wir uns auf subjektive Kategorien wie Hoffnung, Angst oder Glauben in den Bereichen “Zins” und “Inflation” zurückziehen.

Die Fakten

Zunächst ist festzuhalten, dass die jährliche Inflationsrate der Eurozone im Februar 2008 bei 3,3% lag, gegenüber 3,2% im Januar. Ein Jahr zuvor hatte sie 1,8% betragen. Die monatliche Inflationsrate betrug im Februar 2008 0,3%. Die jährliche Inflationsrate der EU lag im Februar 2008 bei 3,4%, unverändert verglichen mit Januar. Ein Jahr zuvor hatte sie 2,1% betragen. Die monatliche Inflationsrate betrug im Februar 2008 0,4%.

Im Februar 2008 wurden die niedrigsten jährlichen Raten in den Niederlanden (2,0%), Deutschland, Portugal und Schweden (je 2,9%) gemessen, und die höchsten in Lettland (16,5%), Bulgarien (12,2%) und Estland (11,5%). Im Vergleich zu Januar 2008 stieg die jährliche Inflationsrate in vierzehn Mitgliedstaaten, blieb in acht unverändert und ging in vier zurück. Die niedrigsten Durchschnittswerte über zwölf Monate bis einschließlich Februar 2008 verzeichneten Malta (1,2%), die Niederlande (1,7%), Dänemark, Frankreich, Finnland und Schweden (je 1,9%); während die höchsten in Lettland (11,6%), Bulgarien (8,6%) und Estland (7,8%) gemeldet wurden.

Die Hauptkomponenten mit den höchsten jährlichen Raten im Februar 2008 waren Erziehung und Unterricht (9,7%), Nahrungsmittel (5,8%) und Verkehr (5,4%), die mit den niedrigsten jährlichen Raten waren Nachrichtenübermittlung (-3,1%), Freizeit und Kultur (0,0%) sowie Bekleidung und Schuhe (1,0%). Bei den Teilindizes hatten Kraftstoffe für Verkehrsmittel (+0,50 Prozentpunkte), Milch, Käse und Eier (+0,23), Flüssige Brennstoffe (+0,21) sowie Brot und Getreideerzeugnisse (+0,14) die stärkste Steigerungswirkung auf die Gesamtinflation, während Telekommunikation (-0,20), Kraftwagen (-0,14) und Bekleidungsartikel (-0,11) am stärksten senkend wirkten.

Die Hauptkomponenten mit den höchsten monatlichen Raten waren Freizeit und Kultur (1,0%), Bekleidung und Schuhe sowie Restaurants und Hotels (je 0,7%), die mit den niedrigsten Raten waren Nachrichtenübermittlung (-0,4%), Gesundheitspflege (0,0%) und Verkehr (0,1%). Insbesondere Pauschalreisen (+0,07 Prozentpunkte), Beherbergungsdienstleistungen (+0,04) und Bekleidungsartikel (+0,03) hatten die stärkste Steigerungswirkung, während Gemüse (-0,05), Kraftstoffe für Verkehrsmittel (-0,04) und Telekommunikation (-0,03) am stärksten senkend wirkten.

Diese Daten stammen von Eurostat, dem Statistischen Amt der Europäischen Gemeinschaften, also einer zuverlässigen Quelle.

Was bedeuten diese Zahlen jedoch genau?

Die jährliche Inflationsrate misst die Preisveränderungen im laufenden Monat gegenüber dem gleichen Monat des Vorjahres. Diese Maßzahl gibt aktuelle Preisveränderungen wieder, kann aber durch einmalige Effekte in einem der Monate beeinflusst werden.

Die Durchschnittsrate über 12 Monate umgeht solche Effekte, indem sie die HVPI-Durchschnitte der letzten zwölf Monate mit den Durchschnitten der vorhergehenden zwölf Monate vergleicht. Diese Maßzahl ist weniger anfällig für kurzfristige Preisänderungen.

Die monatliche Rate vergleicht die Preisniveaus der letzten beiden Monate. Obgleich aktuell, kann dieses Maß durch saisonale oder andere Effekte beeinflusst sein.

Die Auswirkung einer bestimmten Komponente misst die Veränderung der Gesamtinflationsrate aufgrund der Einbeziehung dieser Komponente in den HVPI. Zum Beispiel entspricht die Auswirkung von „Tabak“ der Differenz zwischen der Gesamtinflationsrate und der Veränderungsrate des „Gesamtindex ohne Tabak“.

...und vor allem: was sind die Ursachen

Die erste Reaktion auf steigende Inflationsraten ist wie angesprochen die Angst vor der Zerrüttung des Geldsystems und damit zusammenhängend der Einkommen (vor allem der VermögenseinkommensbezieherInnen). Die Inflationsbekämpfung erhält natürlich sofort oberste Priorität in unseren Köpfen, da ja seit den siebziger Jahren Preisstabilität als der Inbegriff der Stabilität gilt.

Allerdings sollte bei einer Inflationsbekämpfung auch nach den Ursachen und den Zusammenhängen gefragt werden und nicht gleich nach der Zinspolitik geschielt werden. Abgesehen davon, dass auch diskutiert werden muss, welche Inflationsrate in welchem Kontext als Zielindikator sinnvoll erscheint1, da der Zielindikator für Preisstabilität mehr ein politischer Kompromiss/Ideologie denn eine ökonomische Wahrheit ist. So schreibt Tichy 1999: “Die negativen Folgen einer Zerrüttung des Geldsystems und ihre Folgen für gesellschaftliche und staatliche Ordnung sind unbestritten; strittig war jedoch stets und ist auch weiterhin, bei welchem Grad an Verletzung des Ziels Preisstabilität die Zerrüttung des Geldsystems beginnt2.”

Die Analyse von Inflationsursachen ist daher für eine sinnvolle Stabilisierungspolitik, zudem sie in Europa auch der Koordinierung bedarf, unausweichlich. Eine Verletzung des Ziels Preisstabilität kann von einer Zunahme des Geldmengenwachstums stammen. Doch muss dieses nicht die letzte Ursache sein. Im neoklassisch-keynesianischen Kompromiss der sechziger Jahre unterscheidet man/frau zwischen Nachfrageinflation, Kosteninflation und importierter Inflation. Eine Unterscheidung, die gerade für den Einsatz der stabilisierungspolitischen Instrumente noch heute Bedeutung hat.

Wenn die Preise steigen, weil die Kapazitäten nicht ausreichen, die gesamte in- und ausländische, private und staatliche Nachfrage zu befriedigen, dann nennt frau/man so etwas Nachfrageinflation. Dabei ist es jedoch weniger die Knappheit auf den Konsumgütermärkten, die zur Hinaufsetzung der Preise führt, sondern oft die in der Regel viel früher auftretende Knappheit auf den Märkten der Produktionsfaktoren, die als Kostensteigerung auf die Konsumgütermärkte weitergegeben wird. Wenn gewerkschaftliche Machteinflüsse die Löhne über Produktivitätsfortschritt und Inflationsrate hinaus steigen lassen, weil die Marktmacht der Unternehmer die Preisaufschläge generell hinaufdrückt oder Rohstoff-(und Vorprodukt-)monopole Preise über dem Niveau bei marktmäßiger Bildung erzwingen, dann liegt eine Kosteninflation vor. Im Grunde bedingen Macht-(Monopol-)einflüsse als solche zwar nur ein höheres Preis-(Lohn-)niveau und noch nicht eine höhere Inflationsrate. Wenn jedoch der Monopolgrad steigt bzw. die Aufschläge steigen dann führt das auch zu einer höheren Inflationsrate. Eine importierte Inflation entsteht aus ausländischen Preissteigerungen und wird direkt über zusätzliche Nachfrage des Auslands oder über die Verteuerung nicht-substituierbarer (Auslands-)Güter (z.B. Öl) auf das Inland übertragen.

Was kann die Zentralbank für uns tun

Betrachten wir nun die unterschiedlichen Inflationsursachen und vergleichen diese mit der Struktur der Weltwirtschaft, in der der Monopolgrad immer stärker zunimmt, die Preisaufschläge nicht alle inflationsbedingt sind, in der Rohstoffe und Vorprodukte immer knapper werden, in der wir alle immer stärker voneinander abhängig werden, dann stellt sich eigentlich die Frage, ob Inflationsbekämpfung tatsächlich eine Einzelleistung der Zentralbanken sein kann oder ob ein koordiniertes europäisches/globales Vorgehen für ein nachhaltiges Wirtschaften nicht eher dazu beitragen kann, die Inflation, die angesichts des Gesagten eher eine Begleiterscheinung der zunehmenden Konzentration von Marktmacht, der Verknappung von Ressourcen sowie der Vorstellung grenzenlosen Wirtschaftswachstums, positiv zu beeinflussen.

So müssen wir wahrscheinlich in Zukunft lernen, dass Abschottung, Alleingang oder Insellösungen, egal, ob regional, national oder supra- und international, uns in wirtschaftspolitischen Fragestellungen nur wenig weiterhelfen können. Feindbilder nach innen und nach außen zu kreieren, egal, ob von links oder rechts an die Wand gemalt, ebensowenig. Koordinierung und Kooperation ist in jedem Fall besser, zumindest zeigt das die Theorie. Aber Koordinierung ist in der Praxis oft nicht mehr als ein publicity-trächtiger Gipfel, in der diplomatische Unverbindlichkeit an der Tagesordnung steht. (Was sich nicht gerade förderlich auf das Vertrauen der Bevölkerung auswirkt) Koordinierung scheitert meistens daran, dass die Institutionen und de wirtschaftspolitischen Ziele zwischen den einzelnen Staaten differieren; dass die Vorteile der Koordinierung gerade zwischen den Ländern zwischen denen sie politisch diskutiert werden, eher bescheiden ausfallen; dass es Kooperationsprobleme aus der Oligopolsituation und der Nicht-Ausschließbarkeit Dritter an den Vorteilen gemeinsamen Handelns gibt; dass die Koordinierung sich nicht nur auf die Maßnahmen sondern schon vorher auf die Ziele, die Information und Prognosen, die Auswahl der Instrumente sowie die Stärke und den Zeitpunkt des Instrumenteneinsatzes beziehen müsste.

Europa: eine Geldpolitik, eine Fiskalpolitik, eine Verfassung?

Gerade in den eng verflochtenen europäischen Volkswirtschaften müsste Koordinierung und Kooperation die höchste Priorität genießen. Das ergibt sich aus ihrer strukturellen Abhängigkeit, aus der gegenseitigen Abhängigkeit der Ziele der Wirtschaftspolitik, dass exogene Störungen diese Länder vielfach zugleich treffen und dass die eigenständige Verfolgung interdependenter Ziele durch mehrerer Länder meist suboptimale Lösungen liefert. Dennoch ist bislang nur die Geldpolitik eine europäische Angelegenheit. Die Fiskalpolitik ist bislang in der Kompetenz der Einzelstaaten verblieben, obwohl bei einer gemeinsamen Politik mit einer Verdoppelung des Staatsausgaben-Multiplikators gerechnet werden könnte, während eine nationale Fiskalpolitik mit hohen Sickerverlusten zu rechnen hat. Unterschiedliche Zielvorstellungen, Trittbrettfahrerprobleme und vor allem der Zeitbedarf der Koordinierung, der prozyklische Wirkungen befürchten lässt, stehen auch im europäischen Raum noch immer einer sinnvollen Koordinierung entgegegen. Maßnahmen der Angebotspolitik sind jedoch in der EU als weitgehend geschlossener Wirtschaft noch weniger wirksam als in einer kleinen offenen, da eine daraus resultierende Verbesserung der Wettbewerbsfähigeit in einer großen wirtschaft mit flexiblen Wechselkursen zu einer kompensierenden Aufwertung führen würde. Nationale Probleme haben jetzt den Stellenwert von regionalen, ohne jedoch die für die Nationalstaaten typischen Ausgleichsmechanismen (regionale Mobiliät, Transfersystem) zu haben. Die regionale Mobilität wird durch Sprachbarrieren verhindert. Die EU-Transferzahlungen dienen strukturellen und keinen konjunkturellen Zwecken.

Was bleibt also bei der Rundumschau übrig: die Geldpolitik der Zentralbank unter erschwerten Bedingungen (anders als in den USA). Die Leitzinsen im Sinne der Inflationsbekämpfung hoch zu halten, scheint daher ein vernünftiger Ansatz zu sein. Jedoch darf dabei nicht vergessen werden, dass bei hohen Zinssätzen Kreditaufnahme für Investitionen sowie für Konsumkredite verteuert wird, und daneben die Währung für ausländische Anleger attraktiver und damit teurer wird, was die “Wettbewerbsfähigkeit” beeinträchtigt. Dies senkt die Nachfrage und damit das Wirtschaftswachstum und sorgt damit indirekt für eine höhere Arbeitslosigkeit3.

Düster ist daher die Erkenntnis, dass wir durch die EU ein erhebliches Potential für effiziente Wirtschaftspolitik geschaffen wurde, die Möglichkeiten jedoch bis heute aufgrund fehlender Institutionen nicht genutzt werden können. Aus der unbefriedigenden europäischen Lösung (Geldpolitik: ja; Fiskalpolitik: nein) resultiert nun die Hilflosigkeit der nationalen wie der EU-Wirtschaftspolitik und möglicherweise noch eine Verschärfung der Probleme.

Inflation und Zins – das ist wohl alles, worüber in Europas Wirtschaftspolitik nachgedacht werden kann.


1 Zum Beispiel war die Inflationsrate in den sechziger Jahren im deutschsprachigen Raum (D 2.4%, CH 3.0%, A 3.2% pro Jahr) niedrig, stieg dann unter dem Einfluss der Ölkrise in den Jahren 1970-86 erheblich an (D 4.8%, CH 4.5%, A 5.5%), erreichte danach wieder niedrigere werte (1987-98 D 2.4%, CH 4.5%, A 2.5%). Irgendwie macht das den Anschein, dass Inflationsraten, die Werte von vielleicht 5% nicht nennenswert und dauerhaft übersteigen, noch keine Panikmacher darstellen. Außerdem gab es in der Vergangenheit schon europäische Länder, die auch bei nennenswert höheren Inflationsraten in den Abgrund gestürzt wurden. Da wäre zum Beispiel Schweden, das im Durchschnitt der Jahre 1955/87 eine Inflationsrate von 6.4% hatte, Frankreich eine von 6.8% und Italien eine bei 8.2%. Während die Wachstumsraten im Durchschnitt derselben Jahre in Frankreich und in Italien bei 4.1% am höchsten waren, in Österreich und Deutschland sich mit jeweils 3.8% im mittleren Bereich bewegten und in Schweden mit 3.0% und der Schweiz mit 2.9% am niedrigsten waren. Zwischen Wachstum und Inflation scheint es ausnützbare trade-offs zu geben.

2 Tichy, G. (1999): Konjukturpolitik: Qunatitative Stabilisierungspolitik bei Unsicherheit. 4. neubearb. Aufl. Springer. Berlin. S. 64.

3 _Schwarz, G. (2008): Zinspolitik der Europäischen Zentralbank ins Visier genommen. In: Europa im Blick – Webzeitung für ein anderes Europa. europa-im-blick.de: Zugriff am 18.03.2008.


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